Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung

 

Zwei Jahre EUTB - "Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung“ für Menschen mit und ohne Behinderung

 

von Joachim Haar, Beratungsstellenleiter

 

 

 

In der Trägerschaft des Blinden-und-Sehbehinderten-Verbandes Brandenburg e.V. (BSVB) nahmen im April und im August 2018 in Cottbus und in Brandenburg/Havel je eine "Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung“ (EUTB) mit dem Zusatz  "Sehen" ihre Tätigkeit auf. Nach einem Grundlehrgang haben die sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr als 1200 Menschen mit und Ohne Behinderung beraten und Unterstützt. Das Telefon klingelt von früh bis abends. Unsere Beratungsstellen sind barrierefrei, im Stadtzentrum gelegen und für alle gut erreichbar. An den Sprechtagen geht es nur mit Vorbestellungen. Auch an den anderen Tagen stehen die Menschen vor der Tür. Natürlich wird niemand weggeschickt. Wir hören geduldig zu und versuchen, gemeinsam mit den Betroffenen Lösungen zu finden. Die Probleme der Menschen sind vielschichtig. Wer anfangs glaubte, dass könne man alles so nebenbei mitmachen, der irrt. Anfang des Jahres 2020 traten zahlreiche Änderungen im sozialen Bereich in Kraft, die durch das Bundesteilhabegesetz geregelt werden. Viele Betroffene müssen neue Anträge stellen. Menschen mit Behinderungen fühlen sich oft damit allein gelassen und benötigen dringend Hilfe. Die meisten Menschen, die zu uns kommen, sind blind oder sehbehindert. Bei vielen hat die Phase des schlechteren Sehens gerade begonnen. Sie haben große Angst davor, eines Tages blind zu werden. Hilfsmittel sind nicht selten nur vorübergehend eine Lösung. Die zweite Gruppe sind mobilitätsbehinderte Menschen. Das ist bei Rollstuhlfahrern nicht nur die Schwellen an den Türen. Es geht oft um den umbau der Wohnung, um den Einbau eines behindertengerechten Bades. Die Fragen sind hier, wo bekommt man die Anträge, wer ist dafür zuständig und welche Zuschüsse gibt es dafür? Die dritte Gruppe sind Eltern mit ihren Kindern. In den Schulen fehlen zusätzliche Lehrer und Fachleute. Die Klassen sind zu groß. So gelinkt Inklusion nicht. Eltern lassen ihre Kinder gleich mehrere Stunden vom Heimatort zur Schule und zurückfahren. Das Internat lehnen sie ab. Es ist schwer, die Eltern davon zu überzeugen, dass die Belastung für die Kinder viel zu groß ist. In letzter Zeit schicken Ärzte ihre Patienten zu uns. Sie kennen sich mit Rechtsfragen nicht aus. Zeit des Arztes für ein Patientengespräch gibt es bei den vollen Wartezimmern ohne hin nicht.  Anfangs waren die EUTB nicht in jeder Stadt willkommen. Da fürchteten wohl einige um ihre Arbeit. Inzwischen konnten wir uns gut vernetzen. In Cottbus haben der behindertenbeauftragte, das Sozialamt und die EUTB gemeinsam ein Bürgerforum zu sozialen Fragen durchgeführt. Die EUTB konnten sich bei Behörden und bei Organisationen, bei Sozialarbeitern und in der Presse vorstellen. Mit den Sorgen und Problemen der Menschen werden auch die Schwachstellen, die es in der Politik gibt, deutlich. Im Land Brandenburg stammt das Landespflegegeldgesetz für behinderte Menschen aus dem Jahr 1993. Die Mängel werden immer sichtbarer. Im Vergleich mit Berlin, der ja nahe liegt, ist eine Dynamisierung (Anpassung) nicht borgesehen. Taubblinde Menschen erfahren keine zusätzliche Betreuung, wie in anderen Bundesländern üblich. Im Landesbehindertengleichstellungsgesetz wird die Brailleschrift gar nicht erwähnt. Diese ist anderswo der Gebärdensprache gleichgestellt. Unklarheiten gibt es bei den Behörden zu den Fragen des persönlichen  Budgets. Die betroffenen können nicht selbst entscheiden und werden gar nicht gefragt. Unsere Beratungsstellen wollen dazu beitragen, dass Menschen mit Behinderungen lernen, selbst zu entscheiden, zu erkennen, was für sie das Richtige ist. Sie sind dem gesetz nach unabhängig von Leistungsträgern und Leistungserbringern. Unser Motto heißt u.a. eine Stelle für alle. Dass bedeutet aber nicht, dass jeder glaubt, alles allein zu wissen und regeln zu können. Es geht nicht ohne Fachleute. Auf Dauer wird es wohl auch ohne Spezialisierung der EUTB nicht gehen. Die meisten Mitarbeiter der ersten Generation sind selbst schon Rentner. Für die kommenden Jahre, die EUTB sollen ab 2023 Dauereinrichtungen werden, brauchen wir qualifizierte gut ausgebildete Fachleute. Wir warten auf den verlängerungsbescheid, damit wir weiterarbeiten können. Der erste bewilligungsbescheid endet am 31.12.2020.

 

 

 

EUTB Cottbus                             EUTB Brandenburg/Havel




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